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latein am kant

Wer regelmäßig die RTL-Sendung "Wer wird Millionär?" sieht, stellt sicherlich fest, dass gute Latein- und Mythologiekenntnisse bei der Beantwortung der Quizfragen häufig sehr hilfreich sein können. Bisweilen lässt Moderator Günther Jauch, der am Steglitzer Gymnasium eine humanistische Ausbildung absolviert hat, schon mal eine Bemerkung über die Nützlichkeit von Lateinkenntnissen fallen. Wenn auch die Anmerkungen Jauchs mehr im Scherz geäußert werden, kann man seine Aussage bei ernsthafter Betrachtung nur bestätigen. Latein hat im modernen Fächerkanon des Gymnasiums seinen festen und absolut berechtigten Platz, seit der P.I.S.A.-Studie 2002 mehr denn je! Wenden wir uns nun den Argumenten zu, die für den Lateinunterricht als absolutes Muss an der Oberschule sprechen.
Im Land Berlin kann Latein - je nach Angebot der einzelnen Schulen - als erste, zweite, dritte Fremdsprache oder gar als Spätbeginn in der Oberstufe gewählt werden. Das Kant-Gymnasium bietet zur Zeit Latein als erste, zweite oder dritte Fremdsprache an. Wer in der Grundschule jedoch mit Englisch begonnen hat, muss ab der 7. Klasse Latein als zweite Fremdsprache wählen. Alle Wahlmöglichkeiten sollen bei entsprechender Leistung zum Erwerb des Latinums führen und - neben grundsätzlichen bildungspolitischen und didaktischen Erwägungen - auch verhindern, dass zukünftige Studenten ohne Lateinkenntnisse diese erst mühselig an der Universität erwerben müssen.
Viele Studiengänge verlangen den Nachweis von Lateinkenntnissen, so z.B. Englisch, Deutsch, Musik, Französisch, Geschichte, Kunstgeschichte, Theologie, Philosophie, z. T. Jura, Pädagogik, Medizin, Pharmazie und Zahnmedizin usw. Hier empfiehlt sich u.a. ein Blick ins Internet, denn die Anforderungen sind von Universität zu Universität unterschiedlich. In einigen europäischen Ländern gibt es sogar erheblich höhere Anforderungen als in Deutschland. Wer im Ausland studieren will, sollte sich deswegen frühzeitig nach den jeweiligen Bestimmungen erkundigen.
Aber auch in Deutschland geht der Trend an vielen Universitäten wieder zu verstärkten Lateinanforderungen. An vielen Universitäten können zwar Lateinkurse belegt werden, die jedoch oft einem regelrechten "Martyrium" gleichen. Derartige Kurse ziehen sich nämlich über zwei bis drei Semester hin, da es das nachzuholen gilt, wozu in der Schule vier bis sechs Jahre verwendet werden. Meist bedeutet dies auch, dass man das eigentliche Studium für diesen Zeitraum getrost an den Nagel hängen kann, weil neben Latein kaum Zeit für anderes bleibt. Statistiken zeigen, dass ca. ein Drittel der Studenten auf Grund dieser Lateinanforderungen den ursprünglichen Studienwunsch aufgibt. Beeindruckende Leidensberichte lateingeschädigter Studenten bestätigen, dass man diesem Problem aus dem Wege gehen und Latein schon in der Schule lernen sollte. Auf keinen Fall darf am Anfang des Studiums die verzweifelte Frage stehen: "Warum hat mir das keiner gesagt?"
Gewiss ist Latein ein Fach, in dem auch Pauken angesagt ist, denn Syntax, Grammatik und Vokabeln gehören nun einmal zum Erlernen einer Sprache dazu. Das ist in modernen Sprachen nicht anders. Aber es hat sich auch im Lateinunterricht viel geändert, weil gerade diesem Fach - manchmal sicherlich berechtigt - der Vorwurf der Verstaubtheit gemacht wurde. Jedenfalls sind die Zeiten des Angst, Langeweile und didaktische Monotonie erzeugenden Frontalunterrichts schon lange vorbei, denn moderne Lehr- und Lernmethoden, neue Lehrbücher und neue Medien haben im Lateinunterricht mittlerweile ihren festen Platz und ermöglichen schülerorientiertes sowie motiviertes Lernen. Leistung muss - wie in jedem Fach und jedem anderen Lebensbereich - selbstverständlich auch erbracht werden!
Hat man erst die Basiskenntnisse erworben und geht zur Lektüre über, wird der Lateinunterricht richtig interessant und bietet ein vielseitiges Themenspektrum. Die Übersetzung antiker Autoren ist zwar manchmal mühsam, bietet aber einen hervorragenden Einblick in die antike Kultur, schult die methodischen Fähigkeiten und das allgemeine Textverständnis, gibt Freiraum für Interpretation, lässt komplexe Zusammenhänge erkennen und gibt Schülern viel Raum für kreative Projektarbeiten. Wie schön solche Projektergebnisse werden können, hat im Schuljahr 2002/03 die Klasse 10 A/B des Kant-Gymnasiums mit dem Projekt "Ovid 2002/03" eindrucksvoll bewiesen. Hier sind kleine parodierende Theaterstücke, Videos, CD's, Geschichten und Collagen entstanden, die die individuelle und emotionale Annäherung der Schüler an Ovid zeigen.
Der gute alte Caesar, früher der Inbegriff für Schlachtengemälde und nervtötende Beschreibungen von Gebieten, Personen und Stämmen, wird heute von Schülern als geschickter, machtbewusster Politiker und gerissener Propagandist in eigener Sache entlarvt. Historiker wie Sallust und Tacitus machen die römische Geschichte lebendig, erziehen (unfreiwillig) zu einer kritischen Lesart, denn beide versichern dem Leser zwar Objektivität, sind aber beileibe nicht frei von subjektiver Darstellung und Lesermanipulation.
Rhetorik, heutzutage im Business-Bereich ein wichtiger Aspekt bei der Ausbildung - dafür steht Cicero. Hier können Schüler ihre sprachlichen Fähigkeiten nicht nur überprüfen und verbessern, sondern auch die Technik und Wirkung von Sprache kennen lernen. Ebenso kann anhand der Lektüre Ciceros diskutiert werden, wie der beste Staat beschaffen sein muss - eine Fragestellung, die auch in Deutschland zur Zeit höchst aktuell ist, wird in Politik und Gesellschaft doch heftig über den Umbau des Sozialstaates und politische wie wirtschaftliche Reformen diskutiert.
Hast du Liebesleid, dann lies Catull, deine Probleme sind nicht neu! Wie lernst du diesen "coolen Typen" oder diese "Megafrau" kennen? Du weißt nicht weiter? Dann lies Ovid, denn viel mehr bieten die einschlägigen Illustrierten oder modernen Ratgeber auch nicht!
Römisches Alltagsleben in den Vorläufern der e-mails, den Briefen z.B. des Plinius oder Ciceros zu erforschen, ist spannend und informativ: Architektur der Römer zu betrachten, wie die Römer ihre Freizeit verbrachten, was sie aßen und tranken, wie das römische Gesellschaftsleben aussah - all das erfährt man bei der Lektüre. Was aber bringt das Wissen über die Römer? Ganz einfach: man lernt versteht und denkt! Nicht ohne Grund hat der arrivierte amerikanische Schriftsteller Morris Berman in seinem hervorragenden Buch "Kultur vor dem Kollaps?" den kulturellen Niedergang der amerikanischen Gesellschaft, die ja zunehmend auch die europäische beeinflusst, mit dem Niedergang Roms verglichen und gefordert, gewisse Werte und die Bewahrung von Kulturgütern der Massenkultur bewusst entgegenzusetzen. Auch solche Schlagwörter wie Korruption, Krieg zur Durchsetzung eines politischen Willens, Spaßgesellschaft gesteigert bis zur Dekadenz, Liebeskummer, Hass und Liebe, Traditionalismus, Geschichtsklitterung bis zur Mythosbildung, Glorifizierung der Vergangenheit, um nur einiges zu nennen, sind Begriffe, die schon bei den Römern nicht unbekannt waren und eine - manchmal erschreckende oder verblüffende - Aktualität besitzen.
"Latein ist eine tote Sprache!" Mit diesem Totschlagargument kann man viele Diskussionen schlagartig beenden. Genauso eindeutig ist die Antwort: " Die Behauptung ist schlichtweg Unsinn. Latein lebt!" Für sämtliche romanischen Sprachen ist Latein das Fundament, denn diese haben sich aus den Dialekten des gesprochenen Lateins entwickelt. Kann man Latein, lernt sich italienisch, spanisch, französisch, rumänisch und auch portugiesisch wesentlich einfacher. Man kann einen Hauptsatz vom Nebensatz unterscheiden und auch konstruieren, beherrscht grammatische Strukturen, kennt Fachbegriffe, weiß um die Wichtigkeit der Endungen bei Deklination wie auch Konjugation und kennt viele Vokabeln, die leicht oder oft auch gar nicht abgewandelt von den romanischen Sprachen übernommen wurden. Kleines Beispiel gefällig? Das lateinische "vinum - Wein" wurde zu vin (französisch), vino (italienisch, spanisch) und wine (englisch). Solche Beispiele lassen sich hundertfach finden, ein Blick ins Lexikon genügt.
Häufig stellen sich Eltern die Frage, welche Sprache ihre Kinder als erste lernen sollen und entscheiden sich im Zeitalter der Globalisierung aus guten Gründen für Englisch, denn niemand kann die heutige Bedeutung des Englischen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ernsthaft bestreiten. Dabei gehen die meisten davon aus, dass Englisch mit Latein nicht viel zu tun hat. Ein fataler Irrtum! Zu über 50 Prozent hat sich das umgangssprachliche Englisch aus lateinischen Wörtern entwickelt, je nach Textart, z.B. wissenschaftlichen Texten, sind sogar bis zu 80 Prozent aus dem Lateinischen entliehen, darunter etliche zusammengesetzte Wörter wie z. B. tergiversation (= Ausflucht, Winkelzug, lat: tergum vertere - den Rücken zuwenden, fliehen). Englisch als die internationale Wissenschaftssprache besteht aus zahlreichen künstlichen Neubildungen, die aus dem Lateinischen zusammengesetzt und manchmal in keinem Lexikon zu finden sind. Das gilt hauptsächlich für Medizin, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und die Informatik. Latein ist also auch von Vorteil für den, der den aktuellen Entwicklungen des heutigen Englisch auf den Fersen blieben will.
Bekannte Sportler oder Musiker ohne großes Talent publizieren heute Bücher und sehen sich dank ihres ausgeprägten Selbstbewusstseins schon auf einer Stufe mit Goethe, Böll oder Enzensberger. Liest man die Bücher dieser "Schriftsteller", muss man phasenweise auf Grund der intellektuellen Einfalt und sprachlichen Reduktion schon ein wenig erschrecken und der Begriff "Autor" gerät in eine gewisse Schräglage. Aber wehklagen darf man nicht, denn böse Zungen behaupten, eine Gesellschaft erhalte manchmal die Bücher, die sie verdiene.
Nun hat die P.I.S.A.-Studie 2002 festgestellt, dass deutsche Schüler mit ihren Lese- und Schreibfähigkeiten nicht weit von dem Niveau eines Entwicklungslandes wie Brasilien entfernt sind und eventuell weitere Autoren oder Bücher der oben erwähnten Qualität drohen. Wehklagen ist auch hier fehl am Platz! Zumindest am Gymnasium gibt es ein Fach, das - neben dem Deutschunterricht - da eine gewisse Abhilfe schaffen kann: Latein. Beim sprachbetrachtenden Übersetzen und Vokabellernen stoßen die Schüler oft auf Wörter, die zugegebenermaßen manchmal antiquiert sind oder so wirken, weil sie unbekannt sind. Das aber führt zur Auseinandersetzung mit Sprache, der Erweiterung des Sprachschatzes, des Ausdrucksvermögens, der Interpretationsfähigkeit, insgesamt zu einem sichereren und vielfältigeren Umgang mit der (Mutter)sprache.
Anders als die modernen Sprachen, die anwendungsorientiert weitgehend einsprachig verfahren, ist die Übersetzung ins Deutsche ein wichtiger Bestandteil des Lateinunterrichts. Im Unterricht richtig angewendet, erfordert der Umgang mit der Muttersprache Sorgfalt und Nuancierungsvermögen. Ein Beispiel: Ein Schüler liest "gallus cantat" (gallus - der Hahn, cantare - singen) und übersetzt "der Hahn singt". Der Lehrer, je nach Charakter und Gemütsverfassung, antwortet freundlich oder mit strafendem Blick: "Falsch, ein Hahn singt nicht!" Darauf korrigiert sich der Schüler: "Der Hahn kräht". Der Lehrer nickt. Schon dieser kleine Satz demonstriert, wie Schüler beim Übersetzen auch Deutsch lernen. Lassen selbsternannte Schriftsteller in ihren Büchern Hähne singen, lässt der Lateinschüler in der Regel Hähne krähen. Latein hat also einen hervorragenden spracherzieherischen Nutzen.
Die Sprache der Römer als Sprache der Kirche, der Verwaltung, des Handels und des Rechts im Mittelalter sowie als Wissenschaftssprache weit bis ins 19. Jahrhundert hat auch das Deutsche maßgeblich beeinflusst. Etliche Wörter, die wir gar nicht mehr als Entlehnungen erkennen, stammen aus dem Lateinischen. Wir fahren mit dem Omnibus (omnibus - für alle), benutzen solche Wörter ganz selbstverständlich und reden dabei unwissentlich Original - Latein. Viele leicht abgewandelte Wörter benutzen wir ebenso, denn wir reißen eine Mauer (lat: murus) ein und schließen ein Fenster (lat: fenestra). Ebenso bedient sich die Werbung, um merkfähige und auffällige Markennamen zu kreieren, häufig lateinischer Wörter. Wer kennt nicht solche Namen wie Nivea (niveus - schneeweiß) und Volvo (volvere - rollen).
Die Reihe dieser Beispiele ließe sich unendlich fortsetzen. Lösen derartige Exempla einen gewissen "Aha-Effekt" aus, ist die einfache Formel "Lateinkenntnisse = besserer Zugang zu umgangssprachlichen Fremdwörtern" dennoch kein schlagendes Argument pro Latein, denn den Sinn dieser Fremdwörter versteht man normalerweise auch ohne Latein. Geht man jedoch über das Niveau der Alltagssprache hinaus, erweisen sich Lateinkenntnisse - sogar im Sinne streng utilitaristischen Denkens - als absolut nützlich. Je schwieriger und "elaborierter" ein Text ist, desto höher ist der Fremdwörteranteil aus den alten Sprachen, speziell aus dem Lateinischen. Ob nun in wissenschaftlichen Publikationen, in Politik und Wirtschaft oder sogar in den Nachrichten, unzählige - oft auch noch zusammengesetzte - lateinische Wörter finden dort ihren Platz. So konnte man in den Medien bei der Einführung des EURO fast täglich den Begriff Konvergenzkriterien vernehmen (con - vergere = zusammen (in eine Richtung) neigen). Latein wird hier zum Medium anspruchsvoller Kommunikation nicht nur im Deutschen, sondern in allen europäischen Sprachen.
Latein ist, wie oben geschildert, auch in einer benefit-orientierten Zeit ein immer noch oder gerade deshalb nützliches Fach. Es verknüpft bewahrenswerte, traditionelle Elemente mit modernen bildungspolitischen Anforderungen und wird so zu einem Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne Methodisches Arbeiten, die Beherrschung der Muttersprache, die Förderung der Sprachkultur - wie vom erst kürzlich gegründeten "Deutschen Sprachrat" gefordert - und das leichtere Erlernen anderer europäischer Sprachen, allgemeine Lern-, Analyse- und Interpretationsfähigkeiten, der konstruktive Umgang mit fremden Kulturen - all diese Fähigkeiten werden durch den Lateinunterricht vermittelt. Zahlreiche "Zeitzeugen" aus dem Umfeld der Verfasser haben nach dem Schulbesuch oder dem Studium bestätigt, dass sich ihre Lateinkenntnisse in vielen Situationen als ausgesprochen hilfreich erwiesen haben. Diese Erkenntnis hat sicherlich so manche dunkle Stunde, die der eine oder andere - Verfasser eingeschlossen - im Lateinunterricht durchleiden musste, fast ganz vergessen lassen.
url: http://kant-gymnasium-berlin.de | Letzte Änderung: 30.05.2009
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