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immanuel kant: ein blick hinter die kulissen

Man denkt doch eigentlich von einem Professor, dass er eine Art von gravitätischer und steifer Würde hätte, versetzt mit einem Schuss Vergesslichkeit und Zerstreutheit. Dazu noch eine ausgesprochene Weltferne. Man könnte auch sagen, eine eigentümliche Pedanterie, die ebenso komisch wie rührend, ebenso verehrenswürdig wie belächelnswert erscheint. Fragt man nach so einem Beispiel, so kann es nicht ausbleiben, dass der Name Immanuel Kants genannt wird.

Kant ist in seinen späten Jahren ein Genie der Pedanterie und Pünktlichkeit. Einer seiner zeitgenössischen Biographen berichtet von den Besuchen bei seinem Freunde Green:

"Er ging jeden Nachmittag hin, fand Green in einem Lehnstuhle schlafen, setzte sich neben ihn, hing seinen Gedanken nach und schlief auch ein. Dann kam Bankodirektor Rufmann und tat eingleiches, bis endlich Montherby zu einer bestimmten Zeit in das Zimmer trat und die Gesellschaft weckte, die sich dann bis 7 Uhr mit den gespanntesten Gesprächen unterhielt. Diese Gesellschaft ging so pünktlich um 7 Uhr auseinander, dass ich häufig die Bewohner der Straße sagen hörte, es könne noch nicht sieben sein, da der Professor Kant noch nicht vorbeigegangen wäre."

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Seinen ganzen Tagesablauf hat Kant streng eingeteilt. Von morgens 5 Uhr Sommer wie Winter bis abends um 10 Uhr hatte er sich alles - auch die Mengenangaben seiner Mahlzeiten - selber vorgeschrieben. Selbst das Schlafengehen pünktlich um 10 Uhr ist zeremoniell geregelt. Auch darüber berichtet ein Zeitgenosse:

"Durch vieljährige Gewohnheit hatte er eine besondere Fertigkeit erlangt sich in die Decken einzuhüllen. Beim Schlafengehen setzte er sich erst ins Bett, schwang sich mit Leichtigkeit hinein, zog den einen Zipfel der Decke über die eine Schulter unter dem Rücken durch bis zur anderen und durch eine besondere Geschicklichkeit auch den anderen unter sich und dann weiter bis auf den Leib. So emballiert wie ein Kokon eingesponnen erwartete er den Schlaf."

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Kant war gerade umgezogen in eine neue Wohnung in Königsberg wegen Lärmbelästigung als er schon wieder in seiner neuen Wohnung neben einem Stadtgefängnis an den unangenehmen Störungen von Außen litt. Genau neben ihm war das Gefängnis und die Gefangenen sollten zu ihrer Besserung geistliche Lieder singen, was sie bei offenem Fenster und mit verbrecherisch lauten Stimmen tun. Kant beschwert sich beim Bürgermeister der Stadt verärgert über die Heuchler im Gefängnis.

"Ich denke nicht, dass sie zu Klagen Ursache haben würden, als ob ihr Seelenheil Gefahr liefe, wenn gleich ihre Stimme beim Singen dahin gemäßigt würde, dass sie sich selbst bei zugemachten Fenstern hören könnten."

In der zweiten Auflage seines Buches 'Kritik der Urteilskraft' äußert er sich noch einmal zu dieser höchst ärgerlichen Störung:

"Diejenigen, welche zu den häuslichen Andachtsübungen auch das Singen geistlicher Lieder empfohlen haben, bedachten nicht, dass sie dem Publikum durch eine solche lärmende (eben dadurch gemeiniglich pharisäische) Andacht eine große Beschwerde auflegen, indem sie die Nachbarschaft entweder mit zu singen oder ihr Gedankengeschäft niederzulegen nötigen."

Es gehörte auch zu seiner Maxime, sich zu mäßigen und zu steuern und so trank er auch keinen Kaffee, obwohl es ihn die größte Überwindung kostete. Ohne Rücksicht auf ärztliche Verordnungen nahm er nie mehr als zwei Pillen pro Tag und er pflegte in diesem Zusammenhang den Grabspruch eines Mannes zu erwähnen, der an übermäßigem prophylaktischen Gebrauch von Arzneien gestorben ist:

"N.N. war gesund; weil er aber gesunder als gesund sein wollte, liegt er hier."

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So wie der Tagesablauf geregelt sein musste bei Kant, so musste auch seine Umwelt aufs Genaueste geordnet sein. Wenn eine Schere oder ein Federmesser in ihrer Richtung verschoben sind, oder wenn ein Stuhl an eine andere Stelle im Zimmer gerückt ist, gerät er in Unruhe und Verzweiflung. Es muss also sehr schlimm für ihn gewesen sein, als er seinen Diener Lampe entlassen musste. Er kommt nur schwer über die damit verbundene Veränderung seiner gewohnten Umwelt hinweg, und er entschließt sich daher, nicht mehr daran zu denken. Um aber diesen Entschluss nicht wieder zu vergessen und um gegen die Vergesslichkeit, dieses Kardinallaster der Professoren anzugehen, schreibt er auf einen Merkzettel die lapidaren Worte:

"Lampe muss vergessen werden!"

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Vielleicht trägt zur Absonderlichkeit Kants bei, dass er kaum je die Mauern seiner Heimatstadt Königsberg verlässt. Dort wird er im Jahre 1724 geboren; dort bringt er auch seine Studienjahre zu. Im Anschluss daran wird er erst einmal Hauslehrer bei adligen Familien. Ob er dabei freilich Erfolg hat, muss offen bleiben. Jedenfalls berichtet einer seiner Biographen:

"Er hielt es für eine Kunst, sich zweckmäßig mit Kindern zu beschäftigen und sich zu ihren Begriffen herabzustimmen, aber er erklärte auch, dass es ihm nie möglich gewesen wäre, sich diese Kunst zu eigen zu machen."

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Nach neun Jahren erst erreicht Kant das Ziel, das er sich gesetzt hat: die Lehrtätigkeit an der Universität. Seine amtlichen Verpflichtungen sind übrigens weit umfassender, als es die der heutigen Professoren sind. Außer in Philosophie unterrichtet er in Mathematik, Physik, Geographie, Naturrecht, Mechanik, Mineralogie und zwar zwanzig Stunden wöchentlich, weshalb er gelegentlich über diese zeitraubende Fron seufzt.

"Ich meinesteils sitze vor dem Amboss meines Lehrpultes und führe den schweren Hammer sich selbst ähnlicher Vorlesungen in einerlei Takte fort."

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Sein Zeitgenosse Herder rühmt seine geistreiche Art und beschreibt ihn folgendermaßen:

"Kant in seinen blühendsten Jahren hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein greisestes Alter begleitet. Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der unterhaltendste Umgang... Keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, kein Namenehrgeiz hatte je für ihn den mindesten Reiz gegen die Erweiterung und Aufhellung der Wahrheit. Er munterte auf und zwang angenehm zum Selbstdenken; Despotismus war seinem Gemüt fremde. Dieser Mann, den ich mit größester Dankbarkeit und Hochachtung nenne, ist Immanuel Kant; sein Bild steht angenehm vor mir."

Durch seine Vorlesungen und Publikationen erwarb sich Kant bereits frühzeitig den Ruf eines herausragenden Philosophen. Die Lehrstuhlangebote der renommierten Universität Erlangen (1769) und Jena(1770) schlug er aus. Mit 46 Jahren wird Kant dann endlich zum Professor für die Fächer Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg berufen, von da an fließt das Leben geruhsam dahin.

Während der nächsten 27 Jahre war er an der Hochschule seiner Heimatstadt tätig, wurde 1786 bzw. 1788 zum Rektor der Einrichtung ernannt und zog eine große Zahl von Studenten dorthin.

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An äußeren Ereignissen geschieht nicht viel, außer einem Konflikt mit dem preußischen Kultusminister. Nach der Veröffentlichung der Schrift: "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" (1793). Seine rationalistische Religionsauffassung hatte ein Lehr- und Publikationsverbot zur Folge, das allerdings auf religiöse Themen beschränkt war. Kant gibt rasch nach, mit der Begründung:

"Wenn alles, was man sagt, wahr sein muss, so ist damit nicht auch Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen."

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Im Jahr 1804 stirbt Kant in Königsberg, achtzigjährig.

Blickt man zurück, so muss Kants Leben als ein typisch deutsches Gelehrtendasein erscheinen, pedantische und pünktlich geführt, altfränkisch und oftmals ein wenig wunderlich. Doch in diesem unscheinbaren Rahmen wird eine der größten Leistungen vollbracht, die die Geschichte der Philosophie kennt.

Nachdem er sein Wort gesagt hat, kann nicht mehr im gleichen Sinne philosophiert werden wie vorher, so stellt sein Denken einen der Wendepunkte in der Geschichte des philosophischen Geistes dar. Das spricht Schellin in seinem Nachruf aus:

"Unentstellt von den groben Zügen, welche der Missstand solcher, die unter dem Namen von Erläuterern und Anhängern Karikaturen von ihm oder schlechte Gipsabdrücke waren, sowie von denen, welche die Wut bitterer Gegner ihm andichtete, wird das Bild seines Geistes in seiner ganz abgeschlossenen Einzigkeit durch die ganze Zukunft der philosophischen Welt strahlen."

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